Die „Drei Grazien“
(Kunstwerk von Kamila Grochowski, Berlin 2018)

Die Grazie, die Anmut, die Großmut, die Mildhätigkeit.

Anmut oder Grazie (synonyme Bezeichnungen in anderen Sprachen: ital. sprezzatura, leggiadria; span. gracia, despejo; frz. désinvolture, agrément; engl. grace) ist ein Begriff der philosophischen Ästhetik.

Sie bezeichnet eine Form des Schönen, die in neuerer Zeit hauptsächlich in performativen Künsten wie etwa dem Tanz gefunden wird. Seit Schiller wird Anmut üblicherweise als freie Bewegung in Schönheit, der unwillkürliche Ausdruck einer Harmonie zwischen Sinnlichem und Geistigem bezeichnet. Traditionell ist Anmut ein Gegenbegriff zum Erhabenen.

Der weitstreichendste Beitrag stammt schließlich von Schiller: In Über Anmut und Würde (1793) wird sie definiert als willkürliche Bewegung einer „schönen Seele“, die „sympathetisch“ zu einer expressiven Gesinnung steht. Anmut ist „Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjecte selbst hervorgebracht wird“ und dennoch wie ein Naturschönes wirkt; sie ist sozusagen bewusste Bewusstlosigkeit. (Zitat aus Schillers programmatischer Schrift: Friedrich Schiller „Ueber Anmuth und Würde“.

In „Wilhelm Meister Lehrjahre“ wird erstmals bei Goethe eine Schöne Seele gezeichnet: Eine schöne Seele ist die Tante Nataliens, Lotharios, Friedrichs und der Gräfin. Natalie erzählt Wilhelm von ihrer Tante, der schönen Seele: „Ich bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschäftigung mit sich selbst, und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit ließen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können.“ Wilhelm, der die Bekenntnisse der Tante Nataliens  las, bringt zum Ausdruck, dass diese Lektüre sein weiteres Leben beeinflusst hat und fügt bei: „Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war.“

Im „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ erzählt Goethe in den „Bekenntnissen einer Schönen Seele“ die Entwicklung eines jungen Mädchens hin zu diesem Menschenideal. Bekenntnisse einer schönen Seele: Ein junges Mädchen entdeckt die Liebe, emanzipiert sich, macht sich sowohl mit naturwissenschaftlichem als auch mit musischem und spirituellem Wissen vertraut, wendet sich ganz Gott zu und wird zu einer schönen Seele, indem es eine ganz persönliche, natürliche Religiosität entwickelt und schließlich zur wohltätigen und gläubigen Frau reift, die unter dem Namen „schöne Seele“ auch als handelnde Person auftritt.

Goethes Iphigenie auf Tauris gilt als DAS Werk der Klassik, da hier das archaisch-feudale alte Herrschafts und Menschenbild, repräsentiert durch König Thoas dem modernen-humanistischen Menschenbild, repräsentiert durch Iphigenie, gegenübersteht. „Verteufelt human“ nennt Goethe selbst später seine Iphigenie. Und tatsächlich kommt in diesem Drama das klassische Humanitäts- und Kunstideal maßvoller Harmonie, wie es Schiller für die Schöne Seele fordert, zur vollen Ausprägung – nicht zuletzt gilt ja die Iphigenie als das klassische Drama schlechthin.

Seit der Antike gilt die Großmut als wichtige Tugend, insbesondere von Herrschern. Bereits Aristoteles erörterte sie in seiner Nikomachischen Ethik als wünschenswerte Herrschertugend. In der römischen Antike wurde die magnanimitas Cäsars sprichwörtlich. Die „Großmut“ einiger Monarchen wurde historisch in ihrem Beinamen gewürdigt, so etwa bei Alfons dem Großmütigen von Aragon, Philipp dem Großmütigen von Hessen oder Johann Friedrich dem Großmütigen von Sachsen. Berühmtheit erlangte auch die Amnestie Mohammeds gegenüber seinen jahrelangen Feinden und Verfolgern unter den Führern Mekkas nach der Einnahme der Stadt. Das in vielen Verfassungen niedergelegte Recht des Staatsoberhaupts zu begnadigen und zu amnestieren gilt als eine Verkörperung des Großmut-Ideals im Staatsrecht (1,2)

„Die drei Grazien“ ist der Name  eines Gemäldes des italienischen Malers Raffael, das heute im Musée Condé der nordfranzösischen Stadt  Chantilly  ausgestellt wird. Das Entstehungsdatum des Bildes ist unbekannt. Es gilt als gesichert, dass Raffael es nach seinem Studium bei Pietro Perugino in Urbino  zwischen 1503 und 1505 schuf (3, 4, 5). Das Bild stellt die Chariten der griechischen Mythologie dar.

Die Grazie stellt sich symbolisch  unter drei Personen vor, daher die drei Grazien. Die Drei Grazien verkörpern die Natürlichkeit der Wohltat, die in einem Dreier-Konstrukt läuft, wobei jedes Element wie ein Mediator für die anderen beiden dient. Damit entsteht eine dynamische gegenseitige Wechselwirkung, die durch den Arm in Arm geschlungen dargestellt wird. Dies zur Einschärfung, das eine Wohltat die andere fördern und dass der Knoten und das Band der Liebe unauflöslich sein muss. Die Grazie, die den Beschauern den Rücken zuwendet. Sie symbolisiert das Geben. Wer eine Wohltat dem Anderem gibt soll es in der Demut des Gebens tuen, ohne äußeres Gehabe und Schwärmerei. Die anderen beiden Grazien sind aber mit dem Gesichte dem ersten zugekehrt, um zu zeigen, dass sie für eine erwiesene Wohltat doppelten Dank zu empfangen hätten. Die Grazie, die das Gesicht zeigt. Sie symbolisiert das Annehmen einer Wohltat. Wer eine Wohltat bekommt, soll sie offen dankend zeigen und diese Freude weiter an die Anderen geben. Die Grazie, die nur ein Teil des Gesichts zeigt. Sie symbolisiert die Wohltat mit Dank Wiederzugeben. Ein Teil des Gesichts wird offen gezeigt als Dank für das was man bekommen hat. Der Teil des verbogenen Gesichts aber soll darstellen, dass man in Demut dem Anderen eine Wohltat wiedergeben soll. Die Drei Grazien sind durch einen lautlosen Dialog verbunden. Es gibt eine Grazie in dem man etwas gibt. Es gibt eine Grazie in dem man etwas in dem man etwas bekommt. Es gibt eine Grazie in dem man etwas wiedergibt. (6, 7)

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  1. http://universal_lexikon.deacademic.com/228021/Die_drei_Grazien
  2. Oskar Bätschmann und Sandra Gianfreda (Hrsg.): Leon Battista Alberti – Über die Malkunst. Darmstadt 2002, ISBN 3-534-15151-8, S. 24: „Der Dichter Boccaccio (1581) bezeichnet sie als Töchter der „Venus magna“, der tugendhaften Göttin der Liebe – im Unterschied zur wollüstigen „Venus secunda“ (Anm. 88, S. 53)“
  3. Bodkin, Thomas: The Approach to Painting. READ BOOKS, 2010, ISBN 978-1-4446-5858-3, S. 107.
  4. Champlin, John Denison und Charles Callahan Perkins: Cyclopedia of painters and paintings. C. Scribner’s sons, 1913, S. 163.
  5. James Patrick: Renaissance and Reformation. Marshall Cavendish, 2007, ISBN 978-0-7614-7650-4, S. 1183.
  6. Der Geist der Maurerey  In moralischen und erläuternden Vorlesungen von Wilhelm Hutchinson. Übersetzung Christian Ludwig Stahlbaum, Berlin, 1780, Elfte Vorlesung – Von der Mildhätigkeit, Seiten 160-168
  7. Las humanidades como método de desarrollo del potencial humano: La aportación de José Olives Puig al ámbito académico (tesina), 2015 Joaquín Muñoz Traver

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