Thema: Das „Ritual“- Herkunft, Handhabung, Notwendigkeit.

„Die Phantasie übt dann das freie Spiel ihrer Schöpfungen an dem, was von den Sinnen nicht vollständig erreicht werden kann; ihr wirken nimmt eine andere Richtung bei jedem Wechsel in der Gemütsstimmung des Beobachters. Getäuscht, glauben wir von der Außenwelt zu empfangen, was wir selbst in diese gelegt haben“ Alexander von Humboldt „Kosmos“ (1845), erster Band.

„Rituale sind so alt wie die Menschheit – oder älter? Sie haben existiert, bevor es die Begrifflichkeit gab, die uns diese Form gesellschaftlichen Miteinanders heute beschreibt. Ein Ritual beschreibt eine Handlung/ Vorgehensweise nach oft streng vorgegebenen Regeln – meist formal und feierlich durchgeführt. Wir finden Rituale im Alltag jedes Menschen und jeder Form von gesellschaftlichem Zusammenleben (Partnerschaft, Familie, Firma, Gesellschaft, Kultur, Nation, Religion).

Das tägliche Zusammentreffen der Kleinsten im Morgenkreis ihres Kindergartens heißt sie willkommen und nimmt sie in der Gruppe auf, egal aus welchen Familien und Umständen sie an diesem Tag gekommen sind. Der Morgenkreis schließt den Kreis um ihre Gemeinschaft, nimmt sie in Schutz, fängt sie auf und integriert. Der immer gleiche Ablauf gibt Sicherheit und nimmt Ängste, die gerade bei den Kleinsten und ihren täglichen Veränderungen oft sehr präsent und ausdrucksstark sind. Er schafft Verlässlichkeit und gibt Halt in seiner festen Struktur. Dieser Kreis öffnet die Tür in einen vertrauten Tag mit vertrauten Menschen – ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit umarmt jedes Kind auf die ihm eigene Art und Weise. Es werden Lieder gesungen und Willkommensgrüße, manchmal auch Gebete gesprochen.

Rituale und Ritualisierungen haben in der Erziehung, Bildung und Sozialisation von Kindern eine zentrale Bedeutung. Sie strukturieren deren Leben und unterstützen sie dabei, sich in eine soziale Ordnung einzufügen und mit dieser konstruktiv umzugehen. Rituale gestalten Übergänge zwischen Sozialisationsfeldern und Institutionen. 

Angesichts der Globalisierung und Europäisierung ist Erziehung und Bildung in Europa heute eine interkulturelle Aufgabe, für deren Wahrnehmung Rituale und Ritualisierungen, pädagogische und soziale Gesten, die Performativität (Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln) sozialer Praktiken und mimetische Formen des Lernens eine große Rolle spielen.

Im familiären Kontext wird Integrität durch regelmäßige Rituale gestärkt. Dies geschieht täglich im engsten familiären Kreis und ist häufig um die Mahlzeiten herum aufgestellt aber auch in weiteren zeitlichen Abständen, um die größere Familie immer wieder aufs Neue zu orientieren und zusammenzuführen. In der jüngsten westlichen Welt ist auch die mediale Welt Mittelpunkt familiärer Rituale – dabei ist Zusammentreffen für gemeinsame kulturelle Erfahrung im Fokus. D.h. das gemeinsame Erleben prägt und ist von zentraler Bedeutung.

Das Ritual als Mittel zum ständigen Abgleich zwischen den Standpunkten des ICH und WIR und des uns umgebenden Kosmos – eine konstante Momentaufnahme der Beziehung zwischen den Dingen und der Versuch des Zurückführens zu einer Verbindlichkeit, die früher eingegangen wurde.

In diesem Zusammenhang wurden und werden Rituale auch zur Ab- und Ausgrenzung genutzt – bewusst und unbewusst. Rituale, wie der Hitlergruß waren in Ihrer Ausdrucksform ebenfalls Zeichen von Integrität und Zughörigkeit, aber auch klare Abgrenzung. Man war entweder Teil dieser Gemeinschaft oder Feind.

Auch der Abschied vom Leben, d.h. der Abschied vom ICH und WIR, wird in den meisten Kulturen rituell begangen.

Eberhard Haas ( Zeitschrift für Psychoanalyse 52(5):450-471) unternimmt in der Zeitschrift für Psychoanalyse den Versuch, die Trauerrituale unterschiedlicher alter bzw. neuer Kulturen und psychoanalytische Betrachtungen über Trauer einander gegenüberzustellen. Ausgehend von der strukturellen Verwandtschaft von Bestattungsriten, arbeitet er eine allen Totenritualen gemeinsame Struktur heraus: Die Krise, die der Tod in der Gemeinschaft auslöst, verlangt nach absondernder Opferung, damit das Kollektiv zu neuer kultureller Ordnung auferstehe. Am Beispiel des Orpheus-Mythos und analoger mythischer Erzählungen zeigt Haas, daß der Trauernde einer Zerreißprobe zwischen dem Diesseits und Jenseits ausgesetzt ist. Der Tote wird aus dem Jenseits zurückzuholen versucht. Das Scheitern dieses Versuchs ist notwendig, um die Trennung zwischen Lebenden und Toten endgültig zu besiegeln. Der Überlebende kann sich erneut im Diesseits einrichten. In der anschließenden Parallelisierung zu psychoanalytischen Theorien über die Trauer beschreibt der Autor die innerseelische Dramaturgie des individuellen Trauerprozesses, was er anhand eines Therapieausschnitts exemplifiziert.

All diese Beispiele zeigen, es kann eine starke positive oder negative Kraft in Ritualen liegen, die große soziale Strukturen und Dynamiken beeinflussen und in jedem Fall ein wichtiger Bestandteil in der gemeinschaftlichen Verbindung sind“.

„Rituale sind Erinnerungsmaschinen. Die Regelmäßigkeit macht sie zur permanenten Selbstvergewisserung. Sie beeinflussen das Sein und formen das Bewusstsein – in Bezug auf das eigene Selbst und die Umwelt. Sie dienen der Orientierung und sind prägend.

Rituale sind ein Geben, Nehmen und Empfangen  ähnlich wie bei den drei Grazien oder das „Senden, Empfangen und Denken“ wie Goethe es ausdrückte.

Das macht sie zu einem bereichernden Element im Leben.

Rituale sind Metakommunikation“

„Wichtig ist die spirituelle und symbolische Bedeutung der Rituale. Diese sind Handlungen, die auf einem Glauben basieren, sei es eine Religion, eine Politische Ideologie, die Traditionen, die Erinnerungen oder das historische Gedächtnis einer Gemeinschaft. Sie sind zeitlose Werkzeuge, die uns Ordnung und Struktur geben. Es sind Zeitreisen, die Gefühle kanalisieren und uns zurück in unser Zentrum führen können. Ein Ritual ist eine vorbereitungsbedürftige Zeremonie, die für das Gemeinschaftsleben, für die Identifikation mit der Gruppe und dem Kollektiv wichtig ist“

„Wenn ich an Ritual denke, verbinde ich es mit schönen Erinnerungen im Leben. Angefangen im Alter von etwa 3 Jahre, wo meine Mutter jeden Nachmittag zur Kuchenzeit vorbereitete und mir überreichte. Sie hatte jeden Tag etwas anderes, etwas süßes, selbst Gemachtes. Es war aber nicht das Dessert, sondern, die ganze Handlung und Liebe, die Feierlichkeit, die ich spüre, wenn ich  daran denke. Sie hatte für mich einen kleinen Tisch gedeckt. Nach dem ich dahin saß, brachte sie das Dessert und mit voller Liebe legte sie den Teller hin, das Dessert war immer warm, es roch so angenehmen. Sie erzählte wie sie es vorbereitet hatte. Auch wenn nur warme Milch mit Honig war, für mich war dieses Ritual himmlisch. Die Zuwendung, die Liebe, die Aufmerksamkeit, die Würde, ihre Stimme. Jeden Tag, selbe Uhrzeit.

Sicherlich haben wir im Alltag regelmäßig wiederkehrende Handlungen, die Struktur und Halt geben. Aber wenn das Gewöhnliche eine Zeremonie wird. Wenn diese zur Gemeinsamkeit führt und die Dimension der Liebe, der Menschlichkeit, des Göttliches bzw. Spirituelles mit hinein nimmt, das ist für mich ein Ritual.

Heutzutage, sind für mich die wichtigste Rituale: die tägliche Meditation, die Tempelarbeit in der Loge, das Chanten des Mantras, das Licht für unsere Verstorbene in der Kirche anzuzünden, die Vorbereitung für ins Bett gehen, die Vorbereitung und Einnahme meines ersten Kaffes morgens“.

Beiträge von: Claudia, Kamila, Macarena, Virginia.

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