Thema: Grazie gleich Menschenliebe?

Die Drei Grazien (Kunstwerk von Kamila Grochowski)

„Seele legt sie auch in den Genuß, noch Geist ins Bedürfnis, Grazie selbst in die Kraft, noch in die Hoheit ein Herz.“ (Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchener Ausgabe, Bd 4.1, 1988, S. 709).

Einführung:

Anmut oder Grazie (synonyme Bezeichnungen in anderen Sprachen: ital. sprezzatura, leggiadria; span. gracia, despejo; frz. désinvolture, agrément; engl. grace) ist ein Begriff der philosophischen Ästhetik.

Sie bezeichnet eine Form des Schönen, die in neuerer Zeit hauptsächlich in performativen Künsten wie etwa dem Tanz gefunden wird. Seit Schiller wird Anmut üblicherweise als freie Bewegung in Schönheit, der unwillkürliche Ausdruck einer Harmonie zwischen Sinnlichem und Geistigem bezeichnet. Traditionell ist Anmut ein Gegenbegriff zum Erhabenen.

Der weitstreichendste Beitrag stammt schließlich von Schiller: In Über Anmut und Würde (1793) wird sie definiert als willkürliche Bewegung einer „schönen Seele“, die „sympathetisch“ zu einer expressiven Gesinnung steht. Anmut ist „Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjecte selbst hervorgebracht wird“ und dennoch wie ein Naturschönes wirkt; sie ist sozusagen bewusste Bewusstlosigkeit. (Zitat aus Schillers programmatischer Schrift: Friedrich Schiller „Ueber Anmuth und Würde“.

In „Wilhelm Meister Lehrjahre“ wird erstmals bei Goethe eine Schöne Seele gezeichnet: Eine schöne Seele ist die Tante Nataliens, Lotharios, Friedrichs und der Gräfin. Natalie erzählt Wilhelm von ihrer Tante, der schönen Seele: „Ich bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschäftigung mit sich selbst, und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit ließen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können.“ Wilhelm, der die Bekenntnisse der Tante Nataliens  las, bringt zum Ausdruck, dass diese Lektüre sein weiteres Leben beeinflusst hat und fügt bei: „Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war.“

Im „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ erzählt Goethe in den „Bekenntnissen einer Schönen Seele“ die Entwicklung eines jungen Mädchens hin zu diesem Menschenideal. Bekenntnisse einer schönen Seele: Ein junges Mädchen entdeckt die Liebe, emanzipiert sich, macht sich sowohl mit naturwissenschaftlichem als auch mit musischem und spirituellem Wissen vertraut, wendet sich ganz Gott zu und wird zu einer schönen Seele, indem es eine ganz persönliche, natürliche Religiosität entwickelt und schließlich zur wohltätigen und gläubigen Frau reift, die unter dem Namen „schöne Seele“ auch als handelnde Person auftritt.

Goethes Iphigenie auf Tauris gilt als DAS Werk der Klassik, da hier das archaisch-feudale alte Herrschafts und Menschenbild, repräsentiert durch König Thoas dem modernen-humanistischen Menschenbild, repräsentiert durch Iphigenie, gegenübersteht. „Verteufelt human“ nennt Goethe selbst später seine Iphigenie. Und tatsächlich kommt in diesem Drama das klassische Humanitäts- und Kunstideal maßvoller Harmonie, wie es Schiller für die Schöne Seele fordert, zur vollen Ausprägung – nicht zuletzt gilt ja die Iphigenie als das klassische Drama schlechthin.

Zusammenfassung der Beiträge

„Grazie und Humanität heute?
Die Selbstverwirklichung hin zu einem idealen, harmonischen Menschen, in dem Vernunft und Affekt, Wille und Pflicht, Selbstbehauptung und moralisches Handeln in schöner Harmonie ihren Ausdruck als Grazie finden… Grazie als Ausdruck einer Schönen Seele, die human und harmonisierend handelt… 

Wie modern ist dieses Menschheitsideal? Gelten heute noch diese Werte?
Oder im Zusammenhang mit der Iphigenie:
Miteinander reden statt kämpfen. Vernunft gegen Grausamkeit. Kommunikatives Verhandeln und verbales Auseinandersetzen statt althergebrachter dominanter Regeln. 

Haben diese klassischen Werte der Menschenliebe und Humanität heute Geltung?
Im Zusammenhang mit Coaching und Führung betrachtet:
Die Führungskraft als „Schöne Seele“, die in Anmut und Würde harmonisierende Strategien entwickelt, die die alten, mehr autoritativen, repressiven Führungsstile ablösen. Die ebenso Konflikte lösen kann. Dieses Menschenbild ist im Rahmen der Selbstverwirklichung als Führungskraft durchaus modern….“

„Eine Definition von Grazie lautet Anmut und Lieblichkeit. In der griechischen Antike wurde Anmut von den drei Grazien verkörpert…oft in Verbindung mit den Charakterzügen „lieblich, angenehm und freundlich zeigen“ in Verbindung gebracht. Im Mittelalter wird erstmals vom Dreiklang und Harmonie dieser Eigenschaften gesprochen, d.h. sie werden in Verbindung zueinander gestellt und nicht in Isolation betrachtet.

Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts, in dem z.B. Horgartus und Burke die moralische Anmut beginnen mit aufzuführen, sind die Grazien als hauptsächlich „bloße Sinnlichkeit“ und Äußerlichkeit betrachtet. Ist dafür Menschlichkeit erforderlich?

In den Werken von Goethe (Wilhelm Meisters Lehrjahre) und Schiller (Anmut und Würde) wird die Einheit von Geist und Körper nahezu als sich bedingende Voraussetzungen angeführt. Heißt dies, dass Lebens- und Geisteseinstellung und äußerlicher Ausdruck nur miteinander zum Ziel führen – also die Wesenszüge der Grazien in Menschlichkeit ihren Ausdruck finden? 

Neuzeitlich findet Klaus Krieger in „Das Prinzip der Marionette“ einen Vergleich mit dem ich sehr gut in Resonanz gehe:

Zitat: „ Schließlich wird auch dem Menschen eine natürliche Grazie zugesprochen. Er kann sie jedoch verlieren. …, geschieht das in dem Moment, wo Reflexion dazu führt, dass der Mensch sich spaltet und sein Innen und Außen nicht mehr harmonisieren.“ Für mich reflektiert diese Aussage sehr stark den Aspekt, dass nur in der „Selbstliebe“ auch „Nächstenliebe“ und damit auch Menschenliebe und Menschlichkeit möglich sind. Die innerliche und äußerliche Grazie sind erreicht“.

„Die Grazie ist für mich das Umsetzen des Wohlwollens in der Tat gegenüber einer Person oder Umgebung. Darin steckt die volle reine Liebe, die man mit den anderen teilen möchte. Dabei handelt es sich um eine ursprüngliche Gabe unseres menschlichen Daseins, wodurch ein Teil von unserer Essenz geteilt und weitergegeben wird.“

Beiträge: Claudia, Kamila, Virginia, Wiebke.

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